Eye on Eternity
Massimo Passacaglia
In seinem Buch In Ruins geht Christopher Woodward, der Direktor des Holburne Museum of Art in Bath, der Ruinen-Faszination und ihrer Geschichte nach. Er spricht von »the artist’s joy in ruins – found at its most charming in the follies of eighteenth-century landscape gardens, the values of solitude, mystery and picturesque decay – seeing a ruin not as a pile of stones, but a living expression of human imagination … the melancholy charm of eternal fragments. If such a colossus as Rome can crumble – its ruins ask – why not London or New York? When we contemplate ruins, we contemplate our own future … ruins predict the fall of Empires.« Bilder von Ruinen sind immer aktuell, heute nach wie vor, da sich ein globaler Krieg entwickelt, der neue Ruinen schaffen wird. Ein neuer Piranesi wird sie zeichnen.
Das gebaute Rom: ein visuelles Thema, das nicht seinesgleichen hat. Ein Dschungel der Architektur: die alte nistet in der neuen, die neue sprießt aus Trümmern wie Pflanzen aus vermoderten Bäumen. Roms Formenwelt ist reich und einzigartig. Das unvermittelte Nebeneinander aller Stile, die Capriccios, für Rom so typisch, ist eine Art von natürlich entstandenem Surrealismus, eine peinture automatique ist man versucht zu sagen, Bilder, die wie aus dem Unbewussten hochgestiegen wirken.
Altertum und Gegenwart pflegen in Rom die melancholischste Koexistenz. In Rom sind die Jahrtausende so sichtbar, fühlbar, schmeckbar wie nirgends sonst. Der Zahn der Zeit, the grind of time, brachte Rom oft genug der Zerstörung nahe. Berlin ist nicht mehr da; mit seinen Bauten ist das Wesentliche, sein Geist, verschwunden. In Rom hingegen sind die alten Götter noch am Leben. Die sichtbare Wirklichkeit der Stadt hat unendlich viele Schichten: sie ist ein Palimpsest, wie ihn de Quincey in den Confessions beschreibt – voller Schatten, die auf Schatten liegen, mit neuen Gräbern in den alten Gräbern, mit Kirchen aus den Knochen alter Tempel.
Vielleicht ist Rom nichts als das Gräberfeld um einen Vatikan, der selbst gar nur ein Grabmal ist: »The papacy is not other / than the ghost oft the deceased Roman Empire / sitting crowned upon the grave thereof« schrieb Thomas Hobbes 1651. 250 Jahre nach Hobbes ist es eigentlich nicht anders: nicht nur Papst und Vatikan sind da, alive and kicking; auch die viel älteren Altäre sind vorhanden – wenn man das, was die Herrscher Roms erbauten, einmal so nennen will.
Merkwürdig: große Teile des uralten Rom, und erst recht das ultraneue Alltags-Rom bleibt für den Reisenden so gut wie unsichtbar. Den Touristengruppen wird es nicht gezeigt. Um es zu entdecken, muss man sehr genau hinsehen, viel Zeit aufbringen und sich wie ein Römer verhalten: »when in Rome, do as Romans do«. Erst dann entdeckt man, dass in Rom nicht einmal das neue richtig neu sein kann, dass das Alte bedrängend gegenwärtig ist.
Rom ist ein Jurassic Parc aus Stein. Zum Eindrucksvollsten, was uns Rom zu bieten hat, gehören seine alten Aquaedukte. Wie Dinosaurier durchziehen sie die Stadt und hunderte von Kilometern weit das Umland. Ihre Überreste findet man in den modernen Wohnvierteln wie auf abgelegenen Feldern in der Campagna. Sie waren einst die Adern dieser Stadt, die Basis von Erfolg und Existenz. Quellwasser floss in den Adern, klar aus den Albaner Bergen, trübe in den Tiber und ins Meer.
Es scheint, als versteckten sich die Aquaedukte – vielleicht, um der immer massiver werdenden und finalen Zerstörung zu entgehen. Jahrhunderte hindurch bildeten sie die Steinbrüche von Rom. Waren sie einst kostbares Baumaterial, so werden heute ihre Steine wie Geröll behandelt. Sie sind noch da; ob sie in hundert Jahren noch zu finden sind, weiß keiner. Mitunter scheint es so, als wollten sie mit Trotz den Untergang von Rom aufhalten – das, was Byron 1818 schrieb, mit zäher Persistenz noch einmal Lügen strafen: »While stands the Coliseum, Rome shall stand / When falls the Coliseum, Rome shall fall / And when Rome falls – the World.«
Diese Aquaedukte und die römischen Ruinen sind kaum je in einer ihrer Eigenart entsprechende Weise photographiert worden. Ein Grund mag sein, dass ihre Lage im Allgemeinen bloß Einheimischen bekannt ist – Reisende bekommen nichts davon zu sehen. Zum Teil liegen sie in slums, in verkommenem und abgesperrtem Gelände, auf Privatgrundstücken, auf Sportplätzen und Müllhalden. In seinen Filmen Mamma Roma und in La Ricotta zeigt Pasolini einige dieser steinerstarrten Saurier. Um sie herum stolpern die Akteure in ihr meist böses Schicksal. Vielfach werden ihre Bogen, wie die Gräber an der Via Appia, als Straßenbordell genutzt. Bis Walter Veltroni sie zu schützenswerten Denkmälern erklärte und die Bewohner vertreiben ließ, dienten sie als Wohnungen, als Werkstätten und Läden aller Art. An vielen kleben die noch Tünche- und Tapetenreste. Die Einwohner zogen aus – ein paar hundert Meter weiter in die als Ersatz erbauten Siedlungen.
Der Anblick römischer Ruinen suggeriert nicht die Empfindung einer Niederlage – eher die von Widerstand und Starrsinn, des Sieges über Zeit und Tod und Niedergang. Was so viele Jahre überstanden hat, den sacco di Roma, Vandalen aller Art, Bombardement: das kann und muss als »ewig« gelten. Das so zur Ewigkeit gewordene macht alles Gegenwärtige um sich herum zur Nichtigkeit. Rom ist also die Stadt des Paradoxen und der Doppeldeutigkeiten. Die bizarre Disharmonie von in die Moderne eingebetteten Ruinen: in Rom wirkt sie harmonisch. Römische Ruinen haben mehr Gegenwart als jeder Bau des 20. Jahrhunderts.
Michael Ruetz hat viele Jahre in Rom und Italien verbracht. In den Jahren von 1976 bis 1997 hat er sich jedes Jahr ein paar Monate in der Deutschen Akademie Rom, der Villa Massimo aufgehalten, wie ein Römer gelebt und total immersion in die Kultur der Stadt betrieben. Sein Faible für Ruinen ist nicht bloß biographisch zu erklären. Er teilt es bekanntlich mit vielen anderen Künstlern und Literaten. Für die Ruinen-Pilger ist Rom das Paradies auf Erden, ihr Mekka. Was Christopher Woodward »the artist’s joy in ruins« nennt, hat Ruetz in Rom genüsslich ausgekostet, Rom wie ein wissenschaftliches Präparat studiert. Seine Bilder reflektieren den Blick des Künstlers dieser Zeit auf das unzeitgemäße und absurde Rom. Ein Rom, das ganz nah zu liegen scheint und doch unendlich fern ist – als wandle sich die zeitliche Distanz in räumliche Entfernung. Niemand scheint Rom ganz zu kennen oder zu verstehen; stets bleibt ein rätselhafter Rest. Vielleicht existiert – wie Dino Buzatti von Venedig meint – ein zweites Rom, in dem der Betrachter spurlos verschwinden kann, ein Rom das nicht zu sehen, nur zu erfahren ist. Man sieht es zwar, doch weiß man nicht, dass man es sieht.
Der in 30 Jahren Arbeit entstandene Bilderzyklus Eye on Eternity würde als Buch und Ausstellung 100 bis höchstens 120 Bilder umfassen. Diese sind fast ausschließlich in großen Formaten wie 4×5" oder 6×17 cm aufgenommen, schwarzweiß und in Farbe. Die Ausarbeitung der Bilder für Ausstellungen und zum Druck ist Ende 2002 abgeschlossen. 30 Bilder wurden auf der Messe Paris Photo vom 13. bis 18. November 2002 von der Galerie Priska Pasquer erstmals öffentlich gezeigt. Einige Bilder aus dem Zyklus sind in Ruetz’ Büchern Cosmos, A Library for the Eye und WindAuge enthalten. Etwa 50 farbige white prints im Format 50×60 cm können als visuelle Ergänzung dieses Exposés präsentiert werden.