A Library for the Eye – Bibliothek der Augen
Band I, 1958—1997
Ein Ohr für Bilder
It is only shallow people who do not judge by appearances.
The mystery is the visible, not the invisible. – Oscar Wilde
Der unendlich lange Text Was ist die Bibliothek, wenn nicht ein unendlich langer Text?
Er enthält alles, er gibt über alles Auskunft, er weiß alles über alle. Er enthält die Welt in nucleo, in a nutshell und in a notshall. Der Besitzer und Sammler der Bücher: er gibt durch sie Auskunft auch über sich. Ist er nicht der Autor seiner Bibliothek? Sammler, Bibliomanen, Bibliothekare: alle wirken mit an dem unendlich langen Text, auch sie sind Urheber. Literatur machen auch sie.
Dem analog ist zu fragen: Tun Sammler nicht längst auch das, was Künstler tun und einst vielleicht taten? Haben sie die Künstler nicht bereits ersetzt? Künstler: nur Heimarbeiter und Zulieferer der Industrie der schönen Künste? Tun sie tatsächlich mehr, als Vorprodukte zu liefern, die erst in Sammlung und Museum Sinn, Bedeutung, Kunst-Aura erhalten? Sind die Speck und Geldzahler, Marx und Ludwig nicht eigentlich die Künstler dieser Jahre? Stehen die Ausstellungsmacher, die Szeeman, David, Rosenthal nicht längst da, wo Künstler vordem standen? Sind die Künstler nicht längst aus aus einem Paradies vertrieben, das vielleicht nie das ihre war? Wer ist fremdbestimmt und wer ist frei: Künstler oder Kunstverbraucher?
Ein Buch, welches das rettende Ufer der Bibliothek nicht erreicht, ist wie nie geschrieben. Im corpus einer Bibliothek ist das einzelne Buch kaum mehr als ein Buchstabe. Ohne Kontext bleibt er ohne Sinn. Aber er muß gelesen werden. Als Ganzes kann das Ganze nie gelesen werden, man erfaßt es nie mit einem Blick. Lesen richtet sich aufs Detail, auf das, was ein Blick erfaßt. Eine Bibliothek liest man auch nicht in dem Sinn, daß man alle ihre Bücher liest. Man liest in ihr, man liest Konzept und Teile, man liest Buchstaben, Text-Atome. Erst die kleinen, dann die großen Einheiten. Nicht anders liest man Bilder.
SYSTEME Die Bibliothek ist – wie die Sprache – ein System. Die Bibliothek der Augen ist gleichfalls ein System, ein Flechtwerk von Bildern. Sie macht Sprache aus einer immensen Zahl von Bildern. Allein, für sich, aus sich sprächen die Bilder keine Sprache: sie blieben Sprach-Atome, unberedt und stumm. Das Sprachsystem der Bibliothek bringt sie zum Reden. Es systematisiert sie, ordnet sie zu Sätzen, Absätzen, Kapiteln, zu ganzen Büchern.
Bibliotheken sind Auswahlsysteme und Lesehilfen. Der Katalog macht aus den vielen Buchgehäusen eine Stadt: die Metropolis des alten Wissens und der neuesten Erkenntnis. Der Katalog nennt die Straßen, die zu den Buchgehäusen führen und ihre Adressen.
Auch dieses System soll dafür sorgen, daß nichts verloren geht, daß alles aufbewahrt, verzeichnet und erinnert wird – alles was wir wert des Aufbewahrens finden. Alles heißt wie wir aus Erfahrung wissen, hierzunieden nicht mehr als so viel wie möglich. Systeme geloben, daß die Teile auffindbar bleiben. Denn das nicht Auffindbare ist verloren: für lange Zeit oder gleich für immer. Für immer heißt: bis zum jüngsten Tag der Bibliotheken.
Und schließlich ist die Bibliothek auch ein Museum. Das Kunstmuseum bewahrt die Objekte selbst. Es läßt sie selbst zu Worte kommen; lesen muß man sie letztlich auch. Die Bibliothek leistet anderes als das Museum: sie bewahrt Beschriebenes und Abgebildetes. Sie konserviert Gedanken – das, was von den gasförmigen Gebilden sich in Flaschen sperren läßt. Einen Gedanken liest man niemals selbst. Man erliest ihn, und er ergibt er sich: er kommt aus der Flasche.
Der Wörterturm zu Babel Die Große Bibliothek von Alexandria (eigentlich waren es zwei): wir wissen nur von ihr, wir haben nichts von ihr. Sie war nach allem, was wir wissen, die Bibliothek, die man am ehesten dem Turm zu Babel gleichsetzen kann. Schon wegen ihrer Übergröße scheint sie dem Untergang geweiht. Sie ist auch »eine verlorene Bibliothek«, und sicher war sie auch eine »historisch, ästhetisch und philosophisch einmalige Konfiguration«, wie Walter Mehring die Bibliothek seines Vaters nennt. Die Überlebenschance kleiner Bibliotheken ist eben größer als die der Buchdinosaurier. Der Wert der kleinen Bibliothek ist der, daß man sie mitnehmen kann: als Minimum, besser als garnichts. So spielt man immer wieder den Gedanken durch, welche Bücher man mitnehmen würde, müßte man wie Robinson überleben – das aber mit dem Komfort des Lesestoffs. Der Leser: ein Robinson, an Land gespült, auf einer Insel im Meer der Texte.
Der korrekte Leser Den Robinson-Gedanken spielen buchpolitische Modelle wie die »Bibliothek der Hundert Bücher« durch und sogleich zu Ende. Angeblich seien die genannten die wichtigsten Bücher der Welt. Kaum einer liest sie, und keiner liest sie alle. Als Bildungnachweis reicht es, die Namen dieser Bücher nur zu wissen: man muß sie ja nicht auch noch lesen. So verschafft die Bibliothek der Hundert bequem eine Bildung. Ein Unterfangen, das Oberlehrern Spaß macht und uns zu Schülern. Ein Ansinnen, das Unlust erzeugt, wie alle Bevormundung es eben tut. Robinson würde sich mit den Hundert Büchern zu Tode langweilen. Solche Listen sind bedenklich.
Wie würden wir eine Liste hundert guter Menschen lesen? Anders als Listen der bösen Menschen? Was würden wir aufgrund der Listen mit den anderen tun? Der Kanon der Pflichtlektüre ist ohne es zu wissen seelenverwandt, gar alter ego des Index der bösen Bücher und des Bücherbrennens. Er ist Buch-Rassismus: »Endlösung« würde sie vermutlich Walter Mehring nennen. Die Bibliothek seines Vaters, die ein Traum – aber was für einer – für ihn ist nennt er viel schöner »ein spezielles Horoskop des XIX. Jahrhunderts«.
Oder wie wäre es, Feinschmeckern die hundert besten Essen aufzuzählen, und dann noch gar zu sagen, wie und was zu schmecken hat und was nicht? Demokratie des Lesens wie des Essens ist: das Schmecken unkontrolliert dem Geschmack überlassen. Political correctness des Lesens und des Essens: eine Idee gut allenfalls für Klassenzimmer aller Art. Die wichtigen Bücher sind selten die, die zu lesen Spaß macht. Nichtigkeit ist spaßiger als Wichtigkeit. Das Belanglose ist amüsanter als das Gewichtige.
Die Lektüre des Gilgamesch-Epos oder der Minnelieder ist heute leider nicht schmackhafter als ein Stammgericht des Winterhilfswerks, auch wenn diese Bücher wichtig sind. Nichts mundet, wenn man bevormundet wird. Ergo: die eigene Bibliothek kann man nur selbst zusammenstellen. Noch besser ist: einfach mal lesen und selber schmecken. Was könnte wichtig sein an einem Buch, das wir nicht lesen?
Minima Das reisefähige Minimum einer Bibliothek ist wohl das, was ein Rucksack faßt. Müßte ich sie darauf schrumpfen lassen: Meine Bibliothek bestünde aus Büchern, die ich oft gelesen habe und noch einmal oder mehrmals lesen will. Es mag schon sein, daß diese Bücher außer für mich überhaupt nicht wichtig sind. Es wären Reise ans Ende der Nacht und Tod auf Kredit von Louis Ferdinand Céline, Rot und Schwarz von Stendhal, Châteaubriands Mémoires d’outre-tombe, Anton Reiser, Der Zauberberg und Doktor Faustus. Die Handschrift von Saragossa, Gedichte von Trakl und von W. H. Auden. Für den grossen Meyer, das Buch der Bücher, wäre auf der Flucht wohl nicht genügend Platz.
Der Große Meyer: Meyers Konversations-Lexikon, »Ein Nachschlagewerk des Allgemeinen Wissens«, fünfte Auflage, mit den vier Register- und Ergänzungsbänden zusammen 21 Bände, 1897 bis 1901. Mein Exemplar, 1901 von der Familie angeschafft, trägt noch das Schild »J. Deubner, Buch- Kunst- & Musikalienhandlung, Riga, Kaufstr. 14«. Es hat zwei mal Flucht und acht mal Umzug überstanden. Einige Bände sind öfter benutzt und abgegriffen. Einige waren mehr als abgegriffen: sie lagen oben in den Kisten. Restauriert sind sie »taufrisch«, wie man von raren Büchern sagt, die jedoch keiner dem Morgentau aussetzen wird. Die immer neue Britannica, das andere Buch der Bücher, braucht man nicht mit auf die Flucht zu nehmen. Es gibt sie überall, vor allem da, wohin man flieht, in Amerika.
Analog zu diesen Büchern für die Konversation ist die Bibliothek der Augen eine Wechselrede unter Bildern. Sie ist eine Sammlung der Bilder, die mich immer wieder interessieren, die ich immer noch einmal ansehe und mit den Blicken pflüge. Letztlich ist auch sie eine Fluchtbibliothek, ein Minimum. Man weiß natürlich aus Erfahrung, daß man auf keine Flucht Bücher mitnimmt: es gibt vieles, das vor den Büchern kommt. Und so erweist sich Walter Mehrings erinnerte Bibliothek als einzig taugliche Fluchtbibliothek. Sie belastet nicht das Gepäck, verursacht keine Lagerkosten, und die Erben haben keine Mühe, den Antiquar zum Kauf zu überreden.
Das Leben der Bücher Der größte Wert einer Bibliothek liegt in ihrer Kontinuität, in ihrem Anwachsen und langem Überdauern. Die Bibliothek, deren Ende das Ende des Besitzers ist, ist noch nicht Bibliothek geworden. Den Status der Bibliothek mißt man der Sammlung erst dann zu, wenn sie lange lange überlebt und sich in der Zeit bewiesen hat. Ohne Plan und Konzeption ist auch der größte Haufen Bücher keine Bibliothek. Ohne Bibliotheken gäbe es weder Erinnerung noch Geschichte. Ohne die Bücher in den Klöstern, ohne die Jahrhunderte des Überdauerns, gäbe es die Antike für uns nicht. Es hätte nicht einmal eine Renaissance gegeben.
Die Sorge um die Zeit und ihr Vergehen ist es also, die uns veranlaßt, Bibliotheken einzurichten. Vorsorge gegen sie Zeit. Vorkehrungen, um im Archiv zu überleben, in kleinster Form, als Urne der Erinnerung. Auch aus der Asche unseres Lebens läßt sich noch das Leben lesen. Asche ist alles, was wir von dem haben was gewesen ist. Sie ist auch alles, was wir der Zukunft geben. Sie ist schließlich Alles.
Widerspenstigkeit ist unser Movens, Auflehnung gegen Zeit und pausenloses Enden. Der immer neue Versuch, das immer neue Enden zu beenden, oder ein neues Ende anstelle des eingetreten zu setzen. Wenn wir Bibliotheken und Archive einrichten, dann wissen wir genau, nämlich aus Erfahrung, daß wir es nicht für die infinite Ewigkeit tun können. Wir tun alles nur für die absehbare Ewigkeit. Es reicht schon, wenn sie ein wenig länger dauert als ein Leben. Mit dieser Paradoxie leben wir. Das Leben ist Paradoxie.
Raub der Bücher: Raub der Sabinerinnen Bibliotheken sind Herz und Kopf der Nation. Bibliotheken halten ihr Denken lebendig und bereit. Jederzeit wollen wir es abfragen können. Sie konzentrieren alles, was wir bedeuten und was wir sind. In der Bedeutung, die Süskind dem Wort »Parfüm« beilegt, sind Bücher unser Parfüm. Sie sind unsere Essenz: höchstkonzentriert alles, was wir von uns wissen und was man von uns wissen können kann. Sie sind unser größter Schatz und alles, was uns ausmacht. Sie sind wir selbst.
Diese Erkenntnis führt dazu, daß der Sieger nach dem Krieg ganze Bibliotheken stiehlt und heimführt. Nationen der Gegenwart klauen Bücher. Nationen der Antike führten die Frauen der Besiegten heim, um sich selbst zu mehren: Raub der Sabinerinnen. Der Sieger will sein Wissen durch die fremden Bücher mehren.
Nicht immer heißt dies, daß sie auch gelesen werden. Der Dieb, der eine Bibliothek nur stiehlt, ohne sie zu nutzen, entlarvt sich letztlich als Verlierer. Er will das Objekt nur haben; nutzen kann er es nicht, er will es wahrscheinlich nicht einmal. Denn der Feind soll in effigie, in Gestalt seiner Bücher büßen und getötet werden. So ist es logisch, daß man ihn in feuchten Kellern faulen läßt, in einem Bücher-Gulag – dem inneren Feind zugedacht, dem äußeren zugewisen. Könnte die Bibliothek des Feindes vielleicht gar sich in einen inneren Feind verkehren? Hält man die Bücher nicht am besten hinter Schloß und Riegel, damit sie nicht gefährlich werden? In diesem Sinne taten die restriktiven Bibliotheken das einzig richtige.
Der Raub der Bibliothek gleicht dem Diebstahl der Macht-Insignie, den Robert Lebeck in seinem berühmten Bild zeigt: ein schwarzer Kongolese stiehlt dem König Baudoin – König der Belgier und auch der Kongolesen – einen Degen. Die Szene ist ein Sinnbild: in Gestalt des Degens entreißt der schwarze Dieb dem weißen König etwas von seiner Macht. Der Degen soll den Dieb mächtig machen und möglichst auch gleich weiß.
Den Degen ist der Schwarze schnellstens wieder los. Die folgenden Bilder der Reportage zeigen, wie er mit dem Degen Freiheit, Gesundheit und wohl auch das Leben einbüßt … Mit dem Schwert des Weißen könnte der Dieb so wenig anfangen wie mit einer Bibliothek, die nur eingelagert wird. Hätte der Dieb das Schwert behalten: nichts hätte er gewonnen.
Eine Bibliothek ist also ein Zauberstab wie jener Degen: sie verheißt Macht, sie ist sogar Macht. Die Aneignung birgt die vage Hoffnung, die Macht mit ihr zu gewinnen. Wenn nicht, man würde sie nicht rauben.
Was hat der Räuber von der Beute? Die Frage ist so sehr berechtigt wie diese: wie vielen von uns, den Beraubten fehlen die geraubten Bücher? Was wissen wir nicht, welche Arbeit leisten wir nicht – nun, da wir die Bücher nicht mehr haben? Würden wir mehr leisten, wenn wir sie noch hätten. Wären wir selbst besser? Die Rückkehr der Bibliotheken: für wen wäre sie mehr als die Rückkehr von Symbolen und Insignien, den Blutfahnen der Kultur?
»Bücherklau ist konterrevolutionär«: malte man es arglos und wissend auf ein Plakat, als in der APO-Zeit, am 27. Mai 1968 das Germanische Institut besetzt wurde. Man ahnte oder wußte gut, was den Büchern zustoßen werde. Es waren die Revolutionäre, deren Zugriff man befürchtete und unterbinden wollte. Der erste Griff ist der nach den Büchern.
Bücherklau ist Weltgeschichte: Napoleon, ein imperialer Revolutionär, hielt von 1806 bis 1813 Kassel besetzt. Das erste Griff galt auch den Büchern: die Königliche Bibliothek wurde nach Paris geschafft. Eine Angelegenheit von Tod und Leben, von nationaler Bedeutung. Mit ihr betraut wurde kein anderer als Jakob Grimm, und er wußte, was er tat. Der Meyer von 1897 weiß zu berichten: »Beim Einpacken der reichhaltigen königlichen Bibliothek zu Kassel behufs deren Versendung nach Paris mitbeschäftigt, wußte G. manche wertvolle Handschrift als unwichtig darzustellen und zurückzuhalten. Nach der Rückkehr des Kurfürsten wurde G. zum Legationssekretär des hessischen Gesandten Grafen Keller ernannt und begab sich mit diesem ins Hauptquartier der Verbündeten. In Paris war er Mitglied der Kommission, welche die entführten literarischen Schätze zurückforderte.«
Aus den Erkenntnis der Natur von Kunst- und Bücherraub ergibt sich schließlich auch, daß die Tempel von Kunst und Buch es sind, die der Kirche Konkurrenz machen, nicht bloß der platte Atheismus. Denn Bücher sind heilige Ikonen.
Als Buch überleben Wenn wir die Bücherei einrichten, dann wissen wir recht gut, daß sie untergehen wird, schrittweise jetzt und schließlich ganz. Wir können kaum mehr tun, als dem Untergang zu steuern und ihn zu verzögern. Das Bewußtsein, Arbeit wie Sisyphus zu leisten: es ist durchaus nicht hinderlich oder entmutigend. Vielleicht ist die Erkenntnis, Sisyphus zu gleichen, der wirksamste, wenn nicht der einzige Beweggrund, überhaupt etwas zu tun. Der müßige Sisyphus wäre nicht bloß langweilig, er langweilte sich auch selbst, er hätte sein einziges Vergnügen eingebüßt. Wer spräche noch von einem Sisyphus, der sein Arbeitsziel erreicht?
So machen wir halt weiter und richten Bibliotheken ein, weil sie wie alles untergehen. Bis zur nächsten Völkerwanderung, die alles zerstreuen wird: egal. Egal auch, ob es nicht mehr lange oder noch lange hin ist. Gut, daß wir es nicht wissen. Auch, wenn es kurz ist bis dahin, ein paar Jahre sind es immer. Gewonnene Zeit, gestohlene Zeit. Sie nutzen, das ist Leben.
Die Library of Congress in Washington, D.C. ist eine Buch-Weltmacht, ein Symbol Amerikas, ein Bücher-Babylon. Ihre Zerstörung oder Auflösung, ihre Desintegration oder physische Vernichtung: sie wäre der Untergang der Weltmacht USA. Sie würde ihn nicht bloß symbolisieren, sie würde den sacco Washingtons voraussetzen, sie wäre das Ende des Weißen Hauses und des Jefferson Memorial.
Beliebt als Gesellschaftsspiel war bei der APO, den Untergang der USA als unmittelbar bevorstehend anzusagen. Das Ende trat bisher nicht ein; die Library of Congress schwoll weiter an, so auch die Macht Amerikas.
Der Sieger der Geschichte würde die Library of Congress in Peking oder Teheran neu zu errichten suchen – die Teile jedenfalls, die ihm nicht unterwegs verloren gingen, von den siegreichen Soldaten gestohlen oder anders verkommen. Die Bibliothek wäre eine Trophäe und zugleich viel mehr: Fetisch und Reliquie. Die Qualität von Sieg und Sieger ermißt sich an der Art, mit welcher dieser diese nutzt. Das Ende der Großen Bibliothek ist das allgemeine Ende. Mit Büchern fängt es an, mit Büchern endet es.
Die Bücherei aus Bildern Das Stichwort »Bibliothek« diente hier übrigens nur als Denkballon. Die lange Leine, an der er hing, wird nun wieder eingeholt. Sie ist eine Gedankenkette, sie soll auch nur die Bilder an und in die Bücher binden. Selten ist die Packschnur aus dem Material, das sie umbindet.
Der Exkurs vom Bild zum Buch zeigt auf, welche Magie und Bedeutung Buch und Buchfamilien für uns haben, wie ganz und gar unverzichtbar sie für unser gewohntes Leben sind. Die Gedankenschnur war gut, ein paar Erwägungen über Magie und Aura der Bibliothek als allgemeine Idee anzubinden an den speziellen Gedanken einer Bibliothek aus Bildern. Paul Theroux hat dafür den schönen Namen »Picture Palace« eingeführt.
Bibliotheken für Lesende, für Hörende und für Blinde und für Schauende sind vorstellbar, es gibt sie auch. Wenn es für Lesbares Bibliotheken gibt, dann gibt es die Bibliothek für das Sichtbare ebenfalls: eine Bibliothek, die das Sichtbare lesbar macht. Um eine solche handelt es sich bei der Bibliothek der Augen. Sie läßt Bilder reden, macht sie leichter lesbar. Sie sammelt nur eigene Bestände, eigene Bilder, keine erworbenen. Aus selbst geschriebenen Büchern eine Bibliothek: ein fader Gedanke, dem nicht allein die Masse mangelte. So viel Lesbares schreibt nämlich keiner. Nicht einmal Hedwig Courts-Mahler oder Thomas Mann oder Goethe könnten allein eine Bibliothek anfüllen. Außer vielleicht, man füllte sie mit allen Exemplaren, die je gedruckt worden sind. Dann stünden Hunderttausende von gleichen Büchern im Regal.
Sehen ist Lesen Aus Bildern aber sind leicht Bibliotheken zu errichten. Jedes ist für sich ein langer Text oder evoziert einen Text. Sichtbar oder lesbar wird, welche Unendlichkeit von Gedanken als Aura des Gegenstands in einem Bild zu finden sind: vom Autor hineingelegte, vom Leser eingelesene. »Gedanken bestehen aus Bildern, und nicht aus Worten, unser Denken ist bildhaft, das Auge ist ganz Kunst« erkennt Paul Theroux in Picture Palace. Eigentlich ist für mich ist beides immer schon das gleiche. Das Sprachen-Studium hat mich als intensiven Leser ausgebildet; der Übergang zum photographischen und hochintensiven Sehen war nicht mehr als ein Spurwechsel. In der Bibliothek der Augen fließt beides ineinander – zusammen mit dem Schreiben.
Paul Theroux schlägt vor, Sehen mit Lesen gleichzusetzen: »Betrachten von Bildern sollte wie das Lesen eines Buches sein … Wenn der Betrachter anfängt das Bild zu entziffern, dann wird er es erkennen … bis alles, was vertraut ausgesehen hat, fremd und neu aussieht.«
Die sichtbaren Leitmotive Die Idee, meine Bilder zu sammeln, die Sammlung in eine feste Form zu bringen und nach sichtbaren Leitmotiven zu ordnen, ist nun über fünfzehn Jahre alt. Wie alle Einfälle dieser Art spukte sie eine Weile nur herum. Wie jeder gute Geist suchte sie einen Weg aus der Flasche.
Den Korken ziehen half Hans Magnus Enzensberger, der aus dem lahmen Arbeitstitel Bibliothek des Auges (mit stolprigen zwei »s«) die elegante Bibliothek der Augen machte, und zwar in Schindelegg am 14. 2. 88. Ich erinnere dies so genau, weil ich verblüfft war, wie viel diese Kleinigkeit ausmachte, und mich wunderte, daß ich nicht selbst darauf gekommen war. Warum hatte ich mich auf das Augen-Singular versteift?
Diese Bibliothek hätte damals schon eine Buchreihe werden können. Sie wurde es aber nicht, und im Rückblick scheint mir, daß es so besser war. Es war damals und fürs erste besser, als Grundstoff der Bibliothek Originale zu nehmen, nicht reproduzierte Bilder. Sie wäre die Sammlung von Bilderzyklen geblieben, die sie seit den Achtzigern ist, mit einem einmaligen Ausstellungskatalog unter dem Titel Bibliothek der Augen, wenn Gerd Steidl jetzt nicht dafür plädiert hätte, den Titel nicht an eine einzige Publikation zu verschwenden, sondern für eine ganze Reihe zu verwenden. Dieser nun ist ihr erster Band.
Die Bibliothek der Augen ist sowohl eine Bibliothek aus Büchern, das heißt aus reproduzierten Bildern, als auch eine eine aus Photographien, aus Originalen, aus nicht reproduzierten Bildern. In beiden Bereichen leistet sie das gleiche wie jede andere Bibliothek. Sie sammelt, ordnet, verzeichnet katalogisiert einzelne Elemente. Sie macht aus ihnen ein strukturiertes Bildgewebe. Sie strukturiert eine unendliche Zahl von Betrachtungen und Betrachtungsweisen, so daß diese endlich und begreifbar wird. Auf diese Weise macht sie Bilder auf diese Weise zu Begriffen: dingfest, mit neuer Identität.
Die Bibliothek der Augen basiert auf einer genauen Durchsicht meiner Arbeit – aus einem Abstand, der die frühen Teile zu einem fremden, unbekannten Werk macht. Der zeitliche Abstand fördert die kritische Distanz. Er macht aus meiner Arbeit eine fremde Arbeit. Meine heutige Einschätzung gleicht nur selten der damaligen. Das führt zu Entdeckungen und Neubewertungen. Die Vorlieben ändern sich bis zum letzten Tag: welch ein Glück. Der wiederholte Gang durch meine Archive zwang mich, darüber nachzudenken, welche eigentlich die Leitmotive und -ideen meiner Arbeit in den letzten vier Jahrzehnten sind.
Sie als Bilder zu erkennen war gleichwertig damit, sie mit Worten zu benennen. Ein namenloses Schiff bringt Unglück: es ist ein Schiff, das untergehen wird. Ein Bild ohne Namen und ohne Zuordung ist eines von vielen, das in und mit der Masse untergeht. Der Name bindet lose Gruppen von Bildern zu Bildfamilien. Diese Bildfamilien sind es, welche die einzelnen Portfolios und Bände der Bibliothek der Augen formen. Als ich den Bildern im Archiv nachspürte, wurde mir deutlich, was mich immer wieder interessiert hatte:
- Das Licht, seine Phänomene und Dramaturgien, sein ganzes Theaterspiel
- Gestein in allen Formen
- Der Tod und seine Bilderwelt, die das Leben ewig macht
- Stilleben, als Miniatur und table top, oder gigantisch, als Monument oder Ruine
- Menschen, besser gesagt, wir. Typologisch betrachtet und geordnet, nach Sinnesart, nach charakterlicher Wahlverwandtschaft, nach Seelen-Stammbaum und Gemütszustand
Der »Kompost der Phantasie, der Misthaufen der Erinnerung«, wie Theroux Photoarchiv und Picture Palace nennt, bekam durch die Zuordnungen der Bilder eine neue, eigenartige Struktur. Der »Zufall der Form« wirkte sich aus. Ich machte die Erfahrung – sie zu machen, braucht es lange Zeit – »daß ich meine besten Bilder immer nur halb verstand und jeweils voller Demut zusah, wie nach und nach ihre ganze Wahrheit ans Licht kam«. In Picture Palace, dem Schlüsselroman der Amerikanischen Photographie, legt Paul Theroux der Photographin Maude Pratt diese Erkenntnis in den Mund.
Einzelbilder sind längst nicht so interessant wie ihr Kontext. Und so ist die Herstellung der Zusammenhänge die eigentliche Arbeit des Autors dieser Bibliothek. Sie stellt die Bilder in Bezugssysteme, die sie nicht hatten, sie macht die sichtbar, die sie bereits haben, sie regt den Leser an, neue zu erfinden und hinzuzufügen. Die folgende Liste nennt einige der Themenkomplexe, die sich herauskristallisierten. Die Namen beziehen sich auf die Konzepte, nicht auf die Gegenstände der Bilder.
1. La città ideale
Jeder Wahlrömer, ob Piranesi, Henry (Henri?) Beyle oder Gregorovius, erkennt in Rom die Ideale Stadt. Der Römer sieht in ihr etwas völlig anderes. Dieser Bildzyklus zeigt das Inventar, welches diese Stadt für mich ideal macht. In Rom bilden Ältestes, Mittelaltes und Jüngstes eine Großfamilie. Alle zusammen auf engstem Raum: รจ un casino. Man wohnt in, auf, unter und neben Aquaedukten. Demobilisierten, immobilisierten Dinosauriern gleich, bevölkern sie die Stadt. Ihre Verwesung dauert nun schon zwei Jahrtausende. Geschlachtet werden sie von Bauherren in der Nachbarschaft. Kein Stein aus den Aquaedukten geht verloren, jeder geht ein in die Wohnungen der immer neuen Zeitgenossen und Nutzer ihres Verfalls. Sucht man die Bausteine der Acqua Felice: in den Häusern der Nachbarn sind sie eingemauert und überleben in der Mutation.
Der Titel Città Ideal ist von einem Gemälde des Palazzo Ducale in Urbino entlehnt. Dieses ist ein Capriccio der Versatzstücke der Stadt. Und Rom ist eine Stadt, die von Versatzstücken überfüllt zu sein scheint: ein riesiges Theatermagazin, wegen Überfülle geschlossen und nie aufgeräumt. So lagert alles an- und nebeneinander. Absurde Nachbarschaft kennzeichnet das römische Ambiente. Rom ist der Traum aller Städte, Wunschtraum und Albtraum in einem. Rom bringt alle zum Träumen, ob Piranesi oder Goethe. Rom ist ver- und entrückt. Meine römischen Aufenthalte habe ich vor den absurden Trümmern zugebracht und sie in jeder Hinsicht aufgenommen: mit den Augen, den Sinnen, dem Herzen und den Kameras.
2. WindAuge / Einblick, Durchblick, Ausblick.
Die Bildzyklen und Portfolios unter dem Titel WindAuge zeigen sämtlich Öffnungen wie Türen und Fenster. Am Fenster: die Situation des sowohl Hier-, als auch Dortseins, als Befinden zwischen Diesseits und Jenseits, als Dasein mit Blick ins Transzendente. Fenster in jeder Form, in weiteren und übertragenen Bedeutungen, als Windschutzscheibe, Fernseh- und Computerbildschirm, als Spiegel, Tür und allgemein als Öffnung. Der Titel ist eine Rückübersetzung des englischen Wortes window. Sie ist zwar etymologisch richtig, doch kämmt sie die Sprachgeschichte gegen den Strich und widerspricht dem Sprachgebrauch, da die alte Bedeutung von »window« längst abgelegt und obsolet ist.
Die Zyklen mit dem Untertitel Auto zeigen die Welt so, wie wir sie im allgemeinen sehen: durch die Windschutzscheibe. Seit 1967 nutze ich Autofahrten, um Bilder zu machen. Typischerweise entstanden die meisten und interessantesten Bilder dort, wo Autofahren leicht fällt: In China und in der DDR, weil dort der Verkehr von sehr geringer Dichte war. In Amerika, weil die großen Straßen leer und die Fahrten lang, und weil der Verkehr im allgemeinen gesittet ist – im Gegensatz zu Deutschland. Autofahren in den USA ist kein Ersatzkrieg mit Kampfautos wie in Deutschland. Fünf Jahrzehnte Nachkriegdeutschland haben mehr Kampfkraft und Kampfenergie auf die Autobahn gebracht als die Wehrmacht in zwölf Jahren auf die Rollbahn. Diese Ballung von Macht auf der Autobahn würde den Zweiten Weltkrieg in einen Sieg verwandelt haben. Als ginge so ein Traum in Erfüllung, alles wieder gut zu machen, oder noch besser.
3. Nature Morte / Die Stilleben der Giganten
Denkmäler sind übergroße und überlebensgroße Stilleben. Denkmäler geben zu denken. Ein Flugzeug über einer Parkbank; wie ein Falke stößt es herab auf jeden, der sich auf sie zu setzen wagt. Ist es nun abgefeimter Hohn, passive Ignoranz oder aggressive Dummheit, welche den Sieger dazu bringt, das Flugzeug zu einem Monument zu machen, durch das der Besiegte die Niederlage immer wieder neu erleiden muß? Erwartet er, man würde hochgestimmt oder bedrückt auf der Parkbank unter dem Instrument des Todes sitzen? Für den Besiegten ist die MIG das Stilleben eines Riesen, der sein Besitztum feiert, so wie der niederländische Maler den Hausrat des reichen Bürgers im Gemälde feierte.
4. Love and Death / Rigor Mortis
Die Projektion des Lebens in den Tod, die Projektion des Todes in das Leben. Mein ältestes Thema – wie auch nicht, hat es doch Anfang und Ende zum Inhalt. Zu den größten Leistungen der katholischen Kirche gehört es, Vertrautheit mit dem Tod zu schaffen. Diese hat eine unerhört reiche Bilderwelt hervorgebracht. Man könnte fast sagen, es ist eine Lust zu sterben, wenn man die schönen Frauen in Italiens Nekropolen ansieht: mehr Lockende als Trauernde, das Leben feiernd, nicht den Tod. Die positive Haltung, die sich da zeigt, auf »Erotik« zu reduzieren, ist ein Thesen-Schnellschuß, billig. Die Bilder der toten Lebenden in den Nekropolen machen alle zur Familie: Kinder und Alte, Bedienten und Herrinnen, Gebende Nehmende, die Lebenden und Tote. Die letzteren stehen nun noch einmal auf, im kunstvollen Werk einer verstorbenen Bildhauerkunst. Als Denkmäler sterben sie einen letzten Tod. Er scheint final.
Die vier Bilder gehören zu den unendlich vielen Fundsachen, welche die Suche auf europäischen und des von Europa geprägten Teil der USA in den letzten dreißig Jahren erbracht hat. Ein Teil wurde 1978 als Buch unter dem Namen Nekropolis veröffentlicht. Ein Buch mit dem Titel Love and Death ist in Vorbereitung.
5. The Perennial Eye / Der unverwandte Blick (Timescape 817 / Landscape #2)
Die beiden Bildzyklen Timescape und der unverwandte Blick überschneiden sich in einen Fall. Der Blick richtet sich unverwandt und unverrückt, jedoch nicht starr über Jahre auf ein einziges Objekt, auf einen Landschaftsausschnitt. So wie Bakterien in einem Tropfen Blut ein Universum bilden, so findet in diesem Ausschnitt ein Weltgeschehen von Phänomenen statt. Es ist ein Kosmos von Erscheinungen des Lichts, der Luft, der Atmosphäre und von Himmelszeichen aller Art.
6. Timescape / Der Griff nach der Zeit
Diese Bilder sind Teil einer riesigen zeitfressenden Arbeit. welche die Zeit sichtbar macht. Sie tut dies anhand von veränderlichen Objekten und Vorgängen innerhalb von Europa. Der Bereich der Beobachtungen liegt zwischen Brielle in den Niederlanden und Breslau in Polen, zwischen Bensersiel an der Nordseeküste und dem Brennertal. Die west-östliche Ausdehnung des Gebiets ist 1380, die nordsüdliche 1250 Kilometer. Die Objekte in diesem Bereich, fast zwei Millionen Quadratkilometer groß, sind nicht Thema dieser Arbeit. Das Thema der Bilder ist allein die Zeit. Nach der Regel, daß der Bildtitel der Name des Bilder und nicht des Inhalts sei, tragen die Bilder keine Ortsnamen und enthalten keine geographischen Hinweise. Sie heißen nur wie der Zeitpunkt, zu dem sie gemacht wurden. Zusätzlich enthalten sie einen Hinweis auf die Sachkategorie.
7. Deutsche Charaktere
Dieser Bilderzyklus umfaßt etwa 200 Bilder und zeigt deutsche Menschen. Sie werden typologisch betrachtet, ihre Bilder entsprechend angeordnet. Ihre Sinnesart, ihre charakterliche Wahlverwandtschaft, ihre Seelen-Stammbäume ergeben sich auch durch zeitlichen und örtlichen Zusammenhang. Vor allem durch den sprachlichen: Wer deutsch spricht, ist deutsch.
Die Deutschen Charaktere kommen ohne konzeptuelle Bevormundung des Autors aus. Pathetische Programmatik haben sie nicht nötig. Sie sind absichtslos das, was sie sind. In der Gesamtschau bilden sie von selbst und aus sich heraus ein Charakterbild der Deutschen. Der Autor kann sich sehr zurückhalten. Wenn er Konturen nachzeichnet, reicht es schon. Die Deutschen zeigen ihr Gesicht und damit ihren Charakter viel besser ohne Zutun des Autors: einfach indem sie sich zeigen. Paul Theroux sagt im gleichen Sinne: »die Kamera erfaßt nur die Oberfläche, doch diese Oberfläche verrät innere Zustände«. Der Bildzyklus Deutsche Charaktere könnte also auch Deutsche Zustände heißen.
8. WindAuge / Auto
Diese Bilder sind Phasen und Augenblicke, herausgeschnitten aus einer langen Reihe, fixiert durch Kamera und Auswahl. Sie verkürzten nicht allein die Zeit, die am Steuer zu verbringen ist: sie machten diese Zeit bewußt und zur Arbeit. Sie geben aber auch den Genuß am Autofahren wieder. Es ist ein Genuß, den man nur noch selten haben kann und vielleicht gar nicht mehr haben können wird: sich allein durch ein Fremde bewegen, voller unbekannter Fährnisse und Begegnungen. In einem modernen Fahrgerät haben solche Empfindung etwas durchaus obsoletes.
9. Nature Morte / Stonescape
Unter diesem Dachbegriff finden sich Bilder zusammen, welche die geformte Erde zeigen: Stein. Stein in Zerfall und Rückkehr zur Formlosigkeit. Wie aus einer zerstörten Stadt eine Landschaft wird – wer Berlin nach dem Krieg kennt, weiß, was dies bedeutet – so wird aus geformtem Stein unweigerlich wieder roher Stein.
Diesem Gesetz unterliegt alles, was wir tun, und eben darum tun wir alles für die Ewigkeit. Insofern zeigen auch diese Bilder letzlich Zeit. Die Gestalter Athens und der Planer der Hauptstadt Germania: beide hofften auf langes Überleben ihrer Werke.
Derjenige, der alle Absichten der Erbauer eitel und alle Werke zunichte macht, verwandelt eine Kirche mit bösen Willen und leichter Hand in einen Wald.
Von einem Bild des Lebens, das zwei Jahrtausende brauchte, um Torso zu werden. ist heute nichts mehr da: für mich jedenfalls. Der Torso ist gestohlen worden, spurlos verschwunden.
Das Bild der alten Tempelburg zeigt mehr von der Ursache des Verfalls der Marmorsäulen als diese selbst. Diese, im Hintergrund, sind selbst kurz davor zu verschwinden.
10. Antichità
Dieser Bildzyklus greift Titel und Idee von Piranesis Antichità di Roma auf. Das Wort bezieht sich auf die Altertümer Roms und bedeutet gleichzeitig »Altertum« im allgemeinen Sinn. Die alten Stiche von Piranesi wie die neuen Photographien zeigen beide die absurd anmutende Fremdheit der Relikte römischer Antichità in römischer Gegenwart. Die alten Steine und liegen in unmittelbarer Nähe der ganz neuen Steinconglomerate von Menschenhand. Die Aquaedukte sind vielleicht die auffälligsten unter ihnen. Sind sie nicht die Pyramiden Italiens? In der Gegenwart Italiens überdauern sie als Saurier der Architektur, in ein Ameisennest geworfen. Defoe hätte in ihnen Gulliver leibhaftig erblicken können.
Piranesi hat sie als Relikte der Großen Zeit, als Hinterlassenschaft der Übermenschen des Imperiums, interpretiert. Um sie zu verfremden hat er die Dimensionen der alten Trümmer ins Gigantische vergrößert. Auf diese Weise scheinen sie dem Zeitalter der Titanen gemäß – denen, die Europa bauten, ohne die wir Bärenhäuter in heilen Wäldern wären. Die Photographie interpretiert die Altertümer nicht. Es ist nicht nötig: auch für sich sind sie Giganten – wenn nicht der Dimension, dann der Idee. Das Fremde braucht man nicht zu verfremden. Ihr mähliches unaufhaltsames Verschwinden zu erkennen reichte bisher der einmal jährliche Besuch, den ich in Rom mache. Die Antichità der Stadt Rom sind meine stille Leidenschaft seit 1983, als ich das erste Mal länger in Rom zu Gast war.
Das Prinzip aller dieser Bildzyklen könnte man nennen: Sinngebung durch Nähe, Charakterbildung durch Wahlverwandtschaft. Diese Methoden sind eigentlich Montageverfahren, die gemäß Eisenstein auch auf Bilder anzuwenden sind. Reihenfolge und Gruppierung ist das einzige Montageprinzip der Bibliothek der Augen. »Montage« heißt hier so viel wie: Bilder werden durch ihre Nachbarschaft sozialisiert wie Kinder durch Schule und Familie. Der richtige Name für die Bilder ist sehr wichtig, der Name erst macht Familien aus Individuen. Die Bildfamilie stellt sich her, indem sie benannt wird. Bildfamilien: nichts anderes sind die einzelnen Zyklen, Portfolios oder Bände der Bibliothek der Augen, die mit diesem Buch ihr coming out erlebt.
Die Bibliothek der Augen ist ein unendlich langer Text aus Bildern. Ihre Aneinanderreihung gleicht der eines Textes. Bilder sind hier wie Worte behandelt, wie Absätze und Sätze. Ein langer Text entsteht. Vielleicht stellt sich doch zum Schluß heraus, daß ich immer nur ein und dasselbe Wort wiederholt, ein und dasselbe Bild gemacht habe, daß es nur immer anders aussah?
Dumm ist, wer nicht das Äußere bewertet. Geheimnisvoll ist nicht das Unsichtbare – sondern was zu Tage liegt. – Oscar Wilde
M.R.– Can Jai, 30. VIII. 97